Reportage
Karin Falkenberg: „Dieser Ort tut der Seele gut“.
Freilandmuseum Bad Windsheim: Karin Falkenberg über ihre Pläne als neue Leiterin.
Das Fränkische Freilandmuseum ist ein Publikumsmagnet. Inmitten der lieblichen Landschaft bei Bad Windshain gelegen, ziehen die historischen Gebäude aus allen Teilen Frankens und der Blick zurück in das „Leben wie früher“ jährlich fast 200.000 Besucher an. Seit Oktober vergangenen Jahres leitet Karin Falkenberg das Freilandmuseum und sie hat einiges vor.
Frau Dr. Falkenberg, Sie haben vor Ihrem Wechsel ans Freilandmuseum das Spielzeugmuseum in Nürnberg geleitet. Klein, fein und geschätzt – aber jetzt sind Sie verantwortlich für 130 Gebäude, eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern und tausende Besucher. Wie fühlt sich das an?
Das ist bis heute eine Nummer für mich. Anders als im Spielzeugmuseum bin ich fast gar nicht mehr im operativen „Geschäft“ tätig, sondern bin vollständig mit Organisieren, Planen und nach-vorne-Denken beschäftigt. Ich bekomme jeden Tag neue Informationen, rede mit allen und höre zu. Schon die Dimension ist beeindruckend: Von acht Mitarbeitern in Nürnberg auf 80 im Freilandmuseum. Dazu kommen 30 Saisonkräfte und rund 30 Vorführhandwerker, die vier Gaststätten werden von drei Pächtern betrieben. Von März bis Dezember bieten wir neben dem regulären Museumsbetrieb ein pralles Programm an – vom Saatgutmarkt über die Ostereiersuche und dem Tag der Museumstiere bis hin zur Köhlerwoche und der Adventsbäckerei. Plus Ausstellungen, Vorträge und Workshops, Lesungen und Konzerte. Nur zum Beispiel.
Sicher haben Sie das Freilandmuseum nicht erst bei Ihrer Bewerbung angeschaut, es aber unter diesem Aspekt mit anderen Augen gesehen: Was war Ihr erster Eindruck?
Es war wie ein Heimkommen für mich. Ich bin ja in Nürnberg geboren und in der Großstadt aufgewachsen. Meine Eltern, die einen Betrieb der Automobilzulieferer-Branche führten, hatten für Wochenenden und Ferien ein Gehöft zwischen Passau und Linz gekauft. Dort habe ich viel Zeit meiner Kindheit verbracht und Landsozialisation erlebt. Außerdem war mein Vater im Vorstand des Fördervereins des Freilandmuseums, und wenn Sitzungen waren, durfte ich mit in dieses schöne Museum fahren. Meine Begeisterung ist seither noch gewachsen!
Wie kommt das?
Was mich immer wieder aufs Neue ergreift, ist die Natur-Kultur-Landschaft, die wissenschaftlich durchkomponiert ist. Obwohl sich hier täglich hunderte und oft sogar tausende Besucher aufhalten und wir alle modernen Annehmlichkeiten vorhalten, gibt es wenig, was das Auge irritiert. Das Freilandmuseum ist historisch korrekt und zugleich ein Ort, der die Seele heilen lassen kann. Dieses Museum gibt modernen Menschen genau das, wonach sie unbewusst suchen: Das Museum ist ein Ort für die Seele.
Liegt das auch daran, dass so viele Tiere zu sehen sind?
Auf jeden Fall! Die Tiere sind die heimlichen Stars des Freilandmuseums. Wir haben zwei Schafherden – eine gleich am Eingang mit verwaisten Lämmern, die von Menschen aufgepäppelt wurden und deshalb jede Streicheleinheit genießen – und Rinder und Ochsen für die Feldarbeit, dazu die Mangalitza-Schweine mit ihrem wolligen Fell und die schwäbisch-hällischen Landschweine mit den schwarzen Flecken. Alle Tierrassen hier sind seltene fränkische Haus- und Nutztiere, viele sind vom Aussterben bedroht. Katzen, Hühner und einen Taubenschlag gibt es auch. Die ökologische Landwirtschaft, die wir betreiben, fördert die Artenvielfalt auf dem Gelände und in der Umgebung. Vor kurzem war ich mal sehr spät nachts im Museum und habe eine Nachtigall singen hören. Bezaubernd!
Bei aller Begeisterung fürs Landleben, die sicher auch die Besucher teilen: Besteht nicht die Gefahr, dass man in Nostalgie verfällt und verkennt, wie hart das Landleben oft war?
Was wir gerne in den Mittelpunkt stellen, sind die Mittelalter-Häuser des Museums. Im vergangenen Jahr hatten wir eine Volontärin, die den Hang zur Verklärung der vermeintlich „guten alten Zeit“ untersucht hat und überlegt hat, wie wir den Besuchern den realen Alltag von damals näherbringen können. Aktuell bilden wir mittelalterliche Arbeits- und Küchengeräte nach, die in Kürze gezeigt werden und lassen Besucher ausprobieren, wie unglaublich schwer ein Mehlsack ist. Vorher decken wir das Haus aus Hofstätten frisch mit Stroh – das ist eine Attraktion, die man in ganz Süddeutschland kein zweites Mal findet.
Was haben Sie sich außerdem vorgenommen?
Meine Vorgänger – Gründungsdirektor Konrad Bedal und Herbert May als nachfolgender Leiter – haben das Museum nach vorne gebracht und gebaut, gebaut, gebaut. Mittlerweile stehen 130 Gebäude in mehreren Baugruppen auf dem Gelände, das so groß ist wie 64 Fußballfelder. Mein Ziel ist, dass wir bislang leere Räume nutzen und mit Ausstellungen stärker in die Breite und Tiefe gehen. Wir werden den Lebens- und Arbeitsalltag darstellen und hörbar und spürbar machen.
Wie gehen Sie das an?
Als ich die Stelle angetreten habe, haben wir Zukunftswerkstätten eingerichtet. In den sieben Teams – Wissenschaft und Sammlung, Pädagogik, Ökologie mit den Freiwilligendienstleistenden, Bauhof, Verwaltung, Kassen- und Museumsdienste sowie dem Museum Kirche in Franken – haben wir bilanziert, was in der Vergangenheit gut lief und wo es Luft nach oben gibt. Dabei haben wir gemeinsam Impulse für Projekte erarbeitet, die wir jetzt sortieren, priorisieren und weiter ausarbeiten. Parallel dazu befragen wir in dieser Saison unsere Besuchenden, was sie gut finden und was sie sich für das Freilandmuseum wünschen.
Zum Beispiel?
Ganz schlicht und klassisch: Es gibt jetzt wieder frische Schmalzbrote in der Mühle aus Unterschlauersbach! Das haben sich unsere Besucher gewünscht. Oder, etwas komplexer: Wir verstärken die Living-History-Vorführungen. Das war ein Wunsch von unserem Museumsdienst.
Im Spielzeugmuseum waren Sie dafür bekannt, das Publikum aktiv miteinzubeziehen: Nürnberger stifteten Spielzeuge, trugen eigene Erlebnisse zu Ausstellungen bei. Werden solche Mitmach-Aktionen kommen?
Auf jeden Fall! Museen sind für Menschen gemacht! Unsere demokratische Gesellschaft bedingt, dass nicht einige wenige Personen entscheiden, was in einem öffentlich getragenen Museum vorbereitet und gezeigt wird, sondern dass man gemeinsam auf Themen blickt und kooperativ arbeitet. Und die Alltagskultur gehört zur DNA des Freilandmuseums.
Sie haben also kein Heimweh nach Nürnberg?
In dem Jahr, als klar war, dass ich das Spielzeugmuseum verlassen würde, ist mir der Abschied zeitweise schon schwergefallen. Doch seit ich hier bin, ist klar: Es ist die perfekte Entscheidung! Meine neuen Kolleginnen und Kollegen sind hochengagiert, zugewandt, zielorientiert, kooperativ und fröhlich. Hier ist sich niemand zu schade, mit anzupacken oder auch das ganze Wochenende durchzuarbeiten, um unsere Großveranstaltungen zu wuppen. Nicht zuletzt gibt es in diesem Museum den zweitgrößten Förderverein Deutschlands mit 4.500 Mitgliedschaften. Das Freilandmuseum steckt voller wunderbarer Menschen!
Für die Besucher sind die Häuser die Hauptattraktion. Haben Sie ein Lieblingsgebäude?
Ja, Matting. In Franken sind eher Holz- und Fachwerkhäuser üblich, aber das Haus aus Matting ist ein Steinbau und damit eine seltene Form ländlicher Architektur aus dem 14. Jahrhundert. Ganz besonders an Matting sind die Wandzeichnungen. Sie wirken wie Bildergeschichten, wie Comics von vor 700 Jahren. Großartig!
Und das Haus heißt wirklich Matting?
Das musste ich auch lernen: Die Gebäude im Museum sind nach den Orten benannt, aus denen sie kommen. Nicht etwa nach Funktionen wie die Mühle, die Schmiede oder das Haus des Holzschuhmachers.
Das ist vermutlich auch der Wissenschaft geschuldet. Wie wichtig ist die Forschung im Freilandmuseum?
Insbesondere die Hausforschung, aber auch die Alltagskultur sind zwei bedeutende Forschungsfelder. Im Freilandmuseum wurden jahrzehntelang die Haus- und Architekturgeschichten erarbeitet. Heute erzählen wir in unseren Führungen über historische Bauweisen, über Einrichtungen und insbesondere über die Nutzung der Gebäude, das alltägliche Leben – im Storytelling-Format. In einem der Häuser lebte ein Mörder, in einem anderen gab es erschütternde Machtspiele und in einem dritten ländlich-erotische Liebesgeschichten.
Als Historiker können wir aus den Gebäuden wie auch aus Archivalien lesen und unsere Besucher gleichermaßen mit Geschichte und Geschichten begeistern. In einer Veranstaltungsreihe beleuchten wir beispielsweise, wie das Licht in die Häuser kam – von Kienspan bis Bauhaus.
Das Freilandmuseum ist im Sommer besonders reizvoll, es finden viele Veranstaltungen statt. Was können Sie empfehlen?
Ganz neu ist die Ausstellung „Wie kommen eigentlich die Häuser ins Museum?“ – das ist eine Frage, die Besucher über Jahre immer wieder gestellt haben. Am Beispiel einer Hauswand erklären wir diese magisch erscheinende Arbeit: Zu sehen ist einmal der Zustand, wie das Haus vorgefunden wurde, dann folgt der Schnitt, wie eine Wand verpackt und transportiert wird, als drittes zeigen wir die wissenschaftlichen Befunde zu Alter, Materialien und Baustil und schließlich sieht man die Wand so, wie sie unsere Handwerksprofis und Restauratoren neu instandgesetzt haben. Spannend ist hier, dass die Gebäude früher in alle ihre Einzelteile zerlegt worden sind. Mittlerweile sind wir dazu übergegangen, Gebäude an den Seiten aufzusägen und komplette Hausteile zu transportieren.
Ein weiterer Tipp sind die Mittelaltertage Anfang Oktober, bei denen „Living History“-Darsteller das Leben vor hunderten von Jahren in Szene setzen und beispielsweise den Ofen im Badhaus aus Wendelstein schüren. Aus dem Jahreszyklus stechen der Tag der Schafschur im Mai und die Köhlerwoche im Juni heraus, bei der ein echter Meiler aufgeschichtet und verkohlt wird. Dann ist das Freilandmuseum „the place to be“.
Der Museumsbesuch wird zum Event. Blutet Ihnen als Historikerin und Ethnologin nicht das Herz?
Im Gegenteil. Das Besondere am Freilandmuseum ist, dass man mit jedem Schritt über die Schwelle in ein anderes Jahrhundert eintauchen kann. Es gibt nichts Schöneres als Menschen, die sich hier wohlfühlen, sich das Freilandmuseum aneignen und sagen: „Das ist mein Museum“. Wir wissen zudem aus wissenschaftlicher Perspektive: Menschen lernen am intensivsten, wenn sie entspannt und spielerisch an ein Thema rangehen und es selbst entdecken dürfen.
Zur Person
Dr. Karin Falkenberg, Jahrgang 1969, ist in Nürnberg geboren und zeitweise in einem Dorf mit zwölf Höfen in Österreich aufgewachsen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, studierte dann Europäische Ethnologie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach dem Magister-Abschluss arbeitete sie im Schokoladenmuseum Köln, im Münchner Stadtmuseum und als freie Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks.
Nach Jahren beruflicher Wanderschaft im In- und Ausland kehrte sie nach Franken zurück. Zunächst als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Wissens- und Technologietransferstelle der Universität Würzburg, darauffolgend am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie an der Universität Bamberg. Parallel dazu promovierte Falkenberg über die „Bewusstseinsgeschichte des Radiohörens“.
Ein idealer Einstieg ins Rundfunkmuseum Fürth, wo sie als stellvertretende Leiterin begann und 2013 die Leitung übernahm. 2014 wurde sie Direktorin des Spielzeugmuseums in Nürnberg. Im selben Jahr schloss sie ihre Habilitationsschrift über „Museum und Emotion“ an der Kadir Has Universität in Istanbul ab. Dort ist sie seit 2017 nebenberuflich als Honorarprofessorin für Museumswissenschaften tätig.
Seit Oktober 2025 leitet Dr. Karin Falkenberg das Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken. Es wurde 1982 eröffnet und ist mit mittlerweile rund 130 Gebäuden aus allen fränkischen Landschaften, einem 45 Hektar großen Ausstellungsgelände und rund 180.000 Besuchern pro Jahr das größte seiner Art in ganz Süddeutschland.
In den originalen Gebäuden, die von ihren Standorten nach Bad Windsheim transloziert und historisch korrekt instandgesetzt wurden, werden die Wohn- und Arbeitsverhältnisse der Menschen vom Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts präsentiert.
Neben der Architektur hat sich das Freilandmuseum einen Namen als aktiver und attraktiver Veranstaltungsort gemacht: In den neun Öffnungsmonaten finden Sonderausstellungen, Museumsfeste, Mittelaltertage, Handwerkervorführungen sowie Theater- und Musikveranstaltungen statt.
Zugleich ist das Museum auch Forschungseinrichtung. Die Schwerpunkte gelten der Hausforschung und Volkskunde, der Alltagskultur und Ökologie – auf dem Gelände wird ökologische Landwirtschaft nach tradierten Prinzipien und mit historischen Maschinen betrieben – und der Regional- und Handwerksgeschichte. Die Ergebnisse wurden in mehr als 100 Büchern veröffentlicht.
